Jahresthema 2022

Wie jedes Jahr gibt es auch 2021 ein Jahresthema, das uns durch das Jahr hindurch immer wieder begleiten soll:

 

„Dem Leben eine Mitte geben“

 

Es gibt keine Lösungen im Leben. Es gibt Kräfte in Bewegung:

die muss man schaffen; die Lösungen folgen nach.

(Antoine de Saint-Exupéry)

 

Unser Problem in der Gegenwart ist nicht, dass wir zu wenig Informationen und Möglichkeiten haben, sondern aus der Fülle an Angeboten das herauszusuchen, was für uns wesentlich ist. Die Gefahr ist nicht gering, dass wir uns in der Vielfalt zerstreuen und die Sammlung in der Mitte, die Ausrichtung auf das Wesentliche verlieren.

Vor vielen Jahren sagte einmal Michiko Nitobe, eine meiner Qigong- und Taiji-Lehrerinnen, auf die Frage, was Taiji und Qigong in ihrem Leben verändert habe: „Mein Leben hat eine Mitte bekommen.“ Aber wie bekommt ein Leben eine Mitte, was ist der Punkt dabei? Jeder möchte gerne in seiner Mitte sein, in seiner Mitte ruhen und aus seiner Mitte heraus Entscheidungen treffen und handeln und doch können wir an uns selbst und an anderen beobachten, wie weit wir davon entfernt sind. In seiner Mitte zu sein bedeutet Stabilität. Damit ist aber nicht gemeint, krampfhaft einen vermeintlich stabilen Zustand zu verteidigen und alles, was uns aus der Mitte, aus der Balance bringen könnte, abzuwehren; vielmehr geht es darum, sich dem Leben zu öffnen, sich berühren und von Zeit zu Zeit auch erschüttern zu lassen, kurz: sich aus der Mitte, aus dem Gleichgewicht herausbringen zu lassen, um sich dann in einer angemessenen Zeit bereichert durch die neuen Erfahrungen wieder in der Mitte einzufinden. In der Mitte zu sein ist kein statischer, sondern ein dynamischer Zustand, der eigentlich besser beschrieben ist durch „um die Mitte kreisen“.

Unsere Mitte bringt uns in Kontakt mit dem Wesentlichen, mit dem, was uns im Innersten ausmacht. In der Mitte sein bzw. in Kontakt mit unserer Mitte sein heißt spüren, was wesentlich ist, was auf unserem Weg liegt und was nicht. Die Mitte gibt uns Orientierung auf unserem inneren Weg, von dem wir nicht genau sagen können, wo er uns hinführt. Würden wir das zu Beginn des Weges schon genau wissen, dann wäre es kein Entwicklungsweg in neue Erfahrungen und inneres Wachstum, sondern ein Weg in Räume, die wir schon zu kennen glauben.

Aber unsere Mitte (oder sollte ich besser sagen: unsere Seele?) spricht nicht eindeutig und Prosa, so wie unser Verstand es gerne hätte; die Signale, die unsere Mitte uns sendet, sind nicht immer leicht zu verstehen. Ein bisschen ist es so, wie wenn wir auf den Gipfel eines Berges steigen und der Weg, der nicht beschildert ist, sich immer wieder teilt. Nicht selten führen ja beide Wege auf unterschiedlichen Routen zum Ziel. Wenn wir aber auf den Gipfel wollen, dann sollte es grundsätzlich eher bergauf gehen als bergab. Um das zu spüren, brauchen wir keinen Verstand, das vermittelt uns das Erleben unseres Körpers.

Ich bin noch immer fasziniert von einer Führung, die ich vor vielen Jahren in einem berühmten japanischen Tempelgarten mitgemacht habe. Nach dem Besuch des Tempels schlängelte sich ein Weg zum Teehaus, in dem die Teezeremonie vollzogen wurde. Dieser Weg teilte sich an einer Stelle, von der aus man das Teehaus nicht sehen konnte. Heute steht dort ein Schild, das den Weg weist, ursprünglich aber hatte man dem Weg, so erklärte uns die Führerin, eine leichte Neigung gegeben, die den Besucher ohne nachzudenken in die richtige Richtung führte, vielleicht ohne dass er sich dessen bewusst war. Ähnlich sind die Signale, die uns unsere Mitte sendet. Sie gibt uns ein Gespür für den richtigen Weg oft ohne dass wir es merken.

Das mag sich alles ziemlich abstrakt anhören und wenig greifbar. Aber das Schöne an unserem inneren energetischen Weg ist, dass es viele wunderbare Übungen gibt, die das, was dem Kopf abstrakt erscheint, erlebbar und damit konkret machen. Die Körpermitte ist nicht abstrakt, sie liegt ca. zweieinhalb Finger breit unterhalb des Bauchnabels und wir können sie deutlich spüren, wenn wir mit unseren Finger hineinpiksen. Wenn wir uns Zeit nehmen das zu spüren und mit unserer Aufmerksamkeit dort verweilen auch wenn wir den Finger wieder entfernen, dann hat sich unser Geist (was ist eigentlich unser Geist?) bereits in der Körpermitte eingefunden. Das ist intellektuell so anspruchslos, dass es besonders den Schlaueren unter uns schwerfällt, damit Zeit zu verbringen – schade, denn hier stehen wir an der ersten Weggabelung, an der wir uns entscheiden müssen. In einem Witz heißt es, dass an einer Weggabelung zwei Schilder stehen: Auf dem einen steht „in den Himmel“ und auf dem anderen „zum Vortrag über den Himmel“. In dem Witz gehen die Menschen des Ostens den ersten Weg, die Westler den zweiten. Wir können uns noch so viel Wissen über die Mitte angeeignet haben, es wird uns in schwierigen Situationen nicht tragen. Die Erfahrung der Mitte und sei es nur die der Körpermitte aber hat die Kraft, unseren Zustand und unsere Gestimmtheit hilfreich zu verändern.

In Japan wird diese Mitte im Unterleib Hara genannt, in der Qigong-Tradition heißt sie Dantian. Das Hara bzw. Dantian ist ein Ort der Sammlung, ein Ort im Körper, in dem der zerstreute Geist sich einfinden und zur Ruhe kommen darf. Nicht nur in allen fernöstlichen Kampfsportarten ist dieser Körperbereich von besonderer Bedeutung, sondern beim Umgang mit allem, was das Leben für uns bereithält. Dabei geht es nicht darum, permanent an die Mitte zu denken, das ist unmöglich, wenn wir z.B. einer Tätigkeit nachgehen, in der wir über komplexe Zusammenhänge nachdenken müssen. Aber wir können, während wir denken, die Mitte spüren, genauso wie wir auch während komplizierter Gedankengänge im spürenden Kontakt mit unserem Atem sein können. Wir spüren die Mitte und lernen mit der Zeit auch zu spüren, wann wir uns von ihr entfernen und wann wir ihr näher kommen ähnlich wie wir spüren, dass wir uns auf den Gipfel des Berges zu bewegen, weil es bergauf geht. Dies mag vielleicht den intellektuell Anspruchsvolleren unter uns Motivation geben, Zeit mit einem so simplen Vorgang zu verbringen.

Aber unsere Mitte hat verschiedene Ebenen ähnlich wie eine Zwiebel mit ihren verschiedenen Schalen. Die äußerste Schicht ist die sichtbare und greifbare: die Körperebene, das ist die Stelle, die wir mit unserem Finger berühren können. Hat der Geist gelernt sich dort einzufinden und auch über längere Zeit im Erleben der Körpermitte zu verweilen, so kann er sich entspannt in die tieferen Schichten einsinken, ja fallen lassen: von der Oberfläche in die Tiefe, von der Körpermitte in die Wesensmitte, vom denkenden Bewusstsein ins Tiefenbewusstsein. Dort in der Tiefe zu verweilen lässt uns ganz neue Bewusstseinsräume entdecken, die tiefer sind als unser Denken und alltägliches Fühlen reichen. Das ist nicht nur überaus regenerierend, sondern auch verändernd. In diesem Zustand geschieht „Verdauungsarbeit“ nicht nur im körperlichen Sinne, sondern auch auf seelischer Ebene. Ähnlich wie im Schlaf und im Tiefschlaf finden Verarbeitungsprozesse statt, verknüpfen sich alte Erfahrungen mit frischen, ordnet sich manch inneres Geschehen und ab und zu springt dabei auch eine Erkenntnis heraus: das spontane Begreifen von Zusammenhängen, auf das wir auch mit noch so viel Nachdenken nicht gekommen wären.

Wenn wir auf dem Weg in unsere Mitte auch das Schwingungsgeschehen (Qi) lernen wahrzunehmen, dann lernen wir auch langsam die Sprache, die unsere Mitte bzw. unsere Seele spricht: die Sprache der Schwingungen. Jeder Mensch lernt die Sprache der Schwingungen, denn Sprache teilt sich uns über die Schwingungen der Luftmoleküle mit, die auf unsere Trommelfälle treffen und von dort aus über Nervenbahnen ans Gehirn weitergeleitet werden. Wie wir alle wissen braucht es seine Zeit, um Sprache zu verstehen und es braucht noch mehr Zeit, um selbst sprechen zu lernen. Und wenn jemand in einer fremden Sprache zu uns spricht, müssen wir, wenn wir ihn verstehen wollen, wieder von vorne anfangen, um die Schwingungsmuster, die auf unsere Trommelfälle stoßen, auch zu verstehen. Das ist bei den Schwingungen, die wir aus unserem Inneren empfangen, auch nicht anders. Am besten lernen wir die Sprache der Schwingungen wie ein Kind: Wir „hören“, erleben und beobachten und daraus entwickelt sich mit der Zeit das Begreifen und Verstehen von alleine. Würden wir die Sprache der Schwingungen so lernen wollen, wie wir Erwachsenen auf der Schule eine Fremdsprache lernen, indem wir nämlich alles, was wir in der fremden Sprache hören, direkt ins Deutsche übersetzen, dann würden wir das, was unsere Seele uns mitzuteilen hat, in die Sprache des Verstandes übertragen, dann würden wir ein drei- oder vierdimensionales Geschehen zweidimensional zu erfassen versuchen. Das wäre ähnlich Platons Höhlengleichnis, in dem die Menschen die an der Wand erscheinenden Schatten für die Wirklichkeit halten und nicht die Menschen erfassen, deren Schatten sie sehen.

„Nichtwissen ist am nächsten“ ist ein Satz, den ich oft von meiner Zen-Meisterin gehört habe. Solange wir verstehen und glauben zu wissen, sehen wir nur die Schatten der Wirklichkeit und nicht die Wirklichkeit selbst. Wenn wir lernen, im „Meer des Spürens zu baden“ ohne nach dem festem Halt des Verstehens Ausschau zu halten, lernen wir dieses Meer kennen, werden vertraut damit und begreifen, dass das unser eigentliches Zuhause ist.

Wer meint, dass wir ohne zu denken keine Orientierung haben können, sei an die Geschichte der Schildkröten der Weltmeere erinnert, die sich in einer Vollmondnacht an einem bestimmten Strand treffen, um dort, von der Springflut an Land gespült, miteinander ihre Eier abzulegen. Kein Mensch würde das Kraft seines Verstandes fertig bringen! Je mehr wir in die Welt unseres spürenden Bewusstseins, unseres Schwingungsbewusstseins eintauchen, desto mehr kommen wir in Kontakt mit der Schwingungswelt, die nicht nur die Schildkröten miteinander verbindet, sondern Alles mit Allem. Hier sind wir aufgehoben und geborgen, hier ist unsere Mitte, unser eigentliches Zuhause.

Um an dieser Stelle Missverständnissen vorzubeugen: Nicht das Denken an sich ist schlecht, es wird nur zum Hemmnis, wenn es uns am Eintauchen in die Welt der Schwingungen hindert und wenn es auch in der Zeit der Meditation seine Vormachtstellung nicht aufgeben möchte. Das Erleben selbst hilft uns mit der Zeit zu verstehen, was verstehbar ist. Die Fähigkeit, etwas Erlebtes unverstanden zu lassen bis es sich „von selbst versteht“, ist ein guter Begleiter auf dem Weg. Andernfalls laufen wir Gefahr, „neuen Wein in alte Schläuche zu füllen“, ein neues Erleben in einen alten Verständnisrahmen zu pressen.

Der Weg in die Mitte mag an manchen Stellen ähnlich beschwerlich sein, wie der Weg auf den Gipfel eines Berges. So wie sich die Perspektive mit dem Erreichen des Gipfels völlig verändert, so verändert sich auch das Erleben mit dem Eintauchen in die Mitte. Es ist ein Zustand, in dem wir nichts tun, aber ganz viel geschieht.