Jahresthema 2026
Wandel geschehen lassen
Liebevoll lächelt die reife Frucht über die Blüte,
die unbedingt ihre Schönheit behalten will
Wir alle lieben Stabilität. Wir lieben es, wenn unser Leben und die Welt so sind, wie wir sie kennen, wenn wir glauben zu wissen, wie es morgen sein wird. Dann ist der Lebensstrom, auf dem wir treiben, ein ruhiges Gewässer ohne große Turbulenzen, Stromschnellen oder Wasserfälle, die uns zum Kentern bringen oder gar das Leben kosten könnten. Kurz: Wir lieben es, wenn das Leben berechenbar ist oder wir es zumindest so erleben.
Zeiten, in denen es nicht so läuft, wie wir es uns wünschen, nennen wir Krisen. In Krisen geht uns das Gefühl verloren unser Leben im Griff zu haben. Aber hatten wir es wirklich je im Griff oder haben wir es uns nur eingebildet, weil es sich auf eine Weise entwickelt hat, mit der wir einverstanden waren? Wenn unser Leben in Turbulenzen gerät, wir Beschwerden entwickeln oder ernsthaft krank werden, dann haben wir meist den Wunsch, dass das Krisenhafte wieder verschwinden und es wieder so werden möge, wie es vor der Krise war als es uns noch gut ging und manchmal klappt das ja auch. Nicht klappen tut es in den Fällen, in denen die Krise die natürliche Folge dessen ist, wie wir vorher gelebt haben. Angenommen wir sind reich geboren, mit einem guten finanziellen Polster ins Leben gestartet und haben entsprechend aus der Fülle gelebt. Das hat immer funktioniert bis das uns von unseren Eltern mitgegebene Geld aufgebraucht war und dann funktionierte plötzlich nichts mehr wie früher. Das bedeutet aber nicht das Ende unseres Lebens, sondern nur das Ende des Lebens, wie wir es bis dahin gelebt haben. Unser Leben hat bis dahin gut funktioniert, weil wir genügend Reserven hatten, von denen wir zehren konnten.
Was gerade so plakativ beschrieben wurde, gilt nicht nur für unsere finanzielle Situation, sondern auch für unsere Lebenskraft. Wir haben alle eine Portion Lebenskraft mit auf diese Welt gebracht; dazu gehören die Gene, die uns unsere Vorfahren vererbt haben und vielleicht auch die innere Kraft, die wir in vergangenen Inkarnation erworben haben, soweit wir daran glauben wollen. Aber woher auch immer die Kraft, die uns mitgegeben ist, kommen mag, wir können sie pflegen, mehren und nähren oder verschwenden. Wenn wir selbstkritisch unsere gesellschaftlichen Entwicklungen anschauen und betrachten, wie wir leben, dann müssen wir zu dem Schluss kommen, dass wir sehr verschwenderisch mit unserer Lebenskraft umgehen. Dass aller Orten Burnout-Kliniken wie Pilze aus dem Boden schießen, ist nur ein Beleg dafür.
Wenn also die Art, wie wir leben, wie wir denken, uns ernähren und handeln, langsam und oft schleichend an unseren Kräften zehrt, dann muss Wandel geschehen, wenn es uns besser gehen soll. Wenn ein Mann zum Arzt kommt und über Kopfschmerzen klagt, bekommt er im Allgemeinen Schmerzmittel verschrieben. Nur in den seltensten Fällen wird der Arzt den Patienten nach seinen Lebensgewohnheiten fragen und somit auch nicht erfahren, dass der Patient die Angewohnheit hat, morgens nach dem Aufstehen ein paar Minuten lang mit seinem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Wenn der Arzt das wüsste, würde er keine Schmerzmittel verordnen, sondern den Rat geben diese Gewohnheit aufzugeben.
Nun mag uns dieses Beispiel absurd vorkommen, weil ja niemand so dumm ist morgens mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen und den Schmerz, der dabei entsteht, nicht in Zusammenhang damit zu stellen. Tatsächlich sind die Folgen unseres Verhaltens viel verborgener und komplexer, aber der Grundzusammenhang bleibt. Es gibt genügend Studien, die den Zusammenhang zwischen der Art, wie wir uns ernähren und dem Auftreten einer ganzen Reihe von zum Teil lebensbedrohlichen Erkrankungen aufzeigen. Das gleiche gilt für unsere Bewegungsgewohnheiten und in den letzten Jahrzehnten auch zunehmend in Bezug auf unsere Fähigkeit bzw. Unfähigkeit geistig zur Ruhe zu kommen und zu entspannen. Obwohl wir das wissen oder doch wissen könnten, leben wir Menschen unseren Gewohnheiten und nicht unserem – potentiellen – Wissen entsprechend. Erst wenn das, was immer funktioniert hat, aufhört zu funktionieren, wenn wir in eine Krise geraten sind, dann fangen wir an intensiver über unser Leben nachzudenken und in manchen Fällen noch nicht einmal dann.
Nun möchte ich an dieser Stelle nicht allgemein über gute oder schlechte Lebensgewohnheiten schreiben, dazu gibt es genügend Literatur. Ich möchte über den Wandel schreiben, der sich auf dem inneren energetischen Weg teilweise still im Verborgenen und manchmal auch auf spektakuläre Weise offen und spürbar vollzieht. Was hier als „innerer energetischer Weg“ bezeichnet wird, ist ein Weg, auf dem die Menschen, die ihn gehen, lernen nach innen zu schauen und die inneren Lebensschwingungen, das Qi, wahr-zu-nehmen, d.h. im eigenen Inneren zu erfahren, dass die Existenz des Qi wahr ist. Der innere energetische Weg hat seinen Ursprung in der chinesischen Tradition des Qigong („Beharrliches Üben der Lebenskraft“), in der die Lebensenergie, Qi genannt, seit mehr als 2500 Jahren in Übungen erfahren, erforscht und kultiviert wurde. Das Qi ist aber keine chinesische Energie, sie ist eine jedem Menschen, jedem Wesen und der Natur innewohnende Energie, die folglich auch jeder Mensch zu jeder Zeit und an jedem Ort selbst erfahren kann. Der unmittelbare Kontakt mit dieser allem Leben innewohnenden Kraft ist von unschätzbarem Wert.
Der Weg dahin ist eigentlich sehr einfach. Was wir brauchen ist eine innere Stille und eine Präsenz, die den Raum erfüllt, in erster Linie unseren eigenen Körperraum. Wenn der Geist in die Stille eintritt und den Raum erfüllt, beginnt sich Wandel zu vollziehen. Wir machen den Wandel nicht, sondern lassen ihn geschehen. Der Wandel geschieht ganz natürlich, d.h. im Einklang mit der Natur und mit unserer innersten Natur. Und das Schöne ist, dass sich, weil wir in der Stille die Ebene des Verstehens und der Begrifflichkeiten verlassen haben, dort alle Menschen, egal aus welcher Kultur sie kommen und welchen Glaubens sie sind, in einem urmenschlichen Erleben treffen. Die Stille und die Präsenz, die die Stille durchdringt, führen uns in einen Erfahrungsraum, in dem wir der natürlichen Verbundenheit von Allem mit Allem gewahr werden. Diese Ebene unseres Daseins ist vielleicht die größte Kraftquelle, die wir haben. Aus ihr fließt uns die Kraft zu, die wir brauchen, um Wandel geschehen lassen zu können.
Wir müssen nicht alt sein, um unwiederbringlichen Verlust zu erleben, aber im Alter erleben wir die Vergänglichkeit intensiver – unsere eigene Vergänglichkeit im Nachlassen der Kräfte und auch die Vergänglichkeit der Menschen, die vor uns gestorben sind. Das ist wohl der größte Wandel, der auf uns alle zukommt. Wir können die Menschen, die uns verlassen haben, nicht wieder herholen, wir können nur mit dem Wandel, der durch ihr Weggehen geschehen ist, leben lernen.
Wir werden geboren, entwickeln uns in der Kindheit jeder auf seine eigene Weise bis die große Wandlungskraft der Geschlechtsreife in unser Leben tritt. Diese Kraft, die uns von Anfang an eingefaltet innegewohnt hat, beginnt sich nun in unser Leben hinein zu entfalten. Dieser große Wandel in unserem persönlichen Leben sichert die Kontinuität des menschlichen Lebens, das sonst von diesem Erdball verschwinden würde. Wandel und Kontinuität sind wie Yin und Yang die zwei Pole eines Ganzen. Entscheidend für die Auswirkungen dieser in uns lebendig werdenden Wandlungskraft ist unser Umgang mit dieser Energie. Sie kann uns in ein erfülltes Leben führen, wenn wir uns ihr öffnen oder sie kann uns unglücklich machen, wenn wir uns gegen sie wehren, wie es in einer gewissen Körperfeindlichkeit in unserer christlichen Tradition immer wieder geschehen ist. Ich denke es ist eine gute Idee, den Wandel, der mit der erwachenden Sexualität einhergeht, geschehen zu lassen.
Vielleicht ist das ja übertragbar auf andere Wandlungsenergien, die eingefaltet in unserem Inneren schlummern und zu unserer Natur gehören. Und vielleicht gibt es ja neben der Energie, die uns zu geschlechtsreifen Menschen werden lässt, auch eine in uns angelegte Energie, die uns zu dem machen möchte, was wir im Innersten schon sind – aber eben noch eingefaltet. Solche Wachstumsenergien wohnen ja jeder Eichel inne, deren Keim sich in einen großen Eichbaum verwandelt, wenn er die dafür notwendigen Bedingungen hat: Erde, Feuchtigkeit und eine passende Temperatur. So jedenfalls verstehe ich den inneren energetischen Weg, auf dem wir lernen die Bedingungen zu schaffen die natürliches inneres Wachstum stattfinden lassen.
Spannend wird es auf diesem Weg immer dann, wenn wir uns unserer Natur entsprechend auf eine Weise entwickeln, die nicht unseren angelernten und anerzogenen Vorstellungen entspricht. Dann brauchen wir ein tiefes Vertrauen in das, was in uns von alleine, aus sich selbst heraus geschieht. Wenn wir dieses Vertrauen nicht mitbringen, so wird uns der Weg da hineinführen. Wie kann das gehen?
Es ist im Grunde genommen ganz einfach. Wenn wir uns regelmäßig die Zeit nehmen, in einer sich langsam vertiefenden Präsenz nach innen zu spüren, werden wir – der eine früher und der andere später – das Schwingungsgeschehen, dass wir Leben nennen, unmittelbar erfahren. Wir werden es kennenlernen und mit ihm vertraut werden und wir werden erfahren, auch wenn unser Verstand es kaum zu fassen vermag, dass es Gutes in uns bewirkt und dass es uns in eine gute und heilsame Richtung führt. Mit dem daraus erwachsenden Vertrauen können wir uns dann allmählich tiefer und tiefer einlassen. Das Leben selbst wird dann zu unserem Führer und wenn wir uns fragen, wohin es uns führt, so ist die Antwort wieder ganz einfach: zu uns selbst, zu dem, was wir im Innersten sind.
Wenn ich behaupte, dass der Weg im Grunde ganz einfach ist, dann meine ich einfach im Unterschied zu kompliziert. Ich meine damit nicht, dass man diesen Weg mal so eben nebenbei gehen kann. Es ist nicht kompliziert, aber es braucht ein ernsthaftes und beharrliches Üben, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass es sich dann tatsächlich ganz natürlich und von alleine vollzieht.
Wenn wir Probleme haben – sei es physisch oder psychisch –, dann ist unser natürlicher Wunsch diese Probleme zu lösen. In unserer Kultur haben sich viele Therapieformen entwickelt, die uns dabei helfen können. So hat zum Beispiel C.G. Jung, der ein Schüler von Sigmund Freud war, die analytische Psychologie entwickelt, mit deren Hilfe er viele Menschen dabei unterstützen konnte, ihre Probleme zu lösen. Aber es gab natürlich auch Fälle, in denen das nicht gelang. Die Probleme blieben ungelöst, aber Jung machte dabei eine interessante Beobachtung. Zu seiner Überraschung gab es unter diesen erfolglos therapierten Patienten Menschen, die aufgehört hatten unter ihren ungelösten Problem zu leiden. Er nannte dieses Phänomen „Überwachsen“. Offensichtlich hatte bei Ihnen eine Erhöhung des Bewusstseinsniveaus stattgefunden. Da waren noch ihre Probleme wie ein Gewitter im Tal während sie sich oben auf dem Berg befanden, sie waren nicht mehr darin, sondern schauten gleichsam von oben auf das Gewitter.
Natürlich hat sich Jung gefragt, was diese Menschen getan hatten, dass es zu dieser Entwicklung gekommen ist, und er kam zu dem Schluss, dass sie nichts getan hatten außer psychisch geschehen zu lassen. Als er viele Jahre später Richard Wilhelm, einen Kenner der chinesischen Kultur, traf, erfuhr Jung, dass dieses Geschehenlassen in der chinesischen Tradition über Jahrhunderte kultiviert wurde. Der Begriff, der diesen Zustand beschreibt, ist Wu Wei, was wörtlich übersetzt „nicht tun“ heißt. Es ist ein meditativer Zustand, in dem man nichts tut, in dem aber ganz viel geschieht. Und dieser Zustand bildet das Herzstück des inneren energetischen Weges, auf dem sich manche Probleme lösen und andere überwachsen werden. Im Wu Wei hört das Ich auf nachzudenken und zu analysieren und öffnet sich in stiller Präsenz dem, was ist; dann kann sich das, was reif dafür ist, zu wandeln beginnen.
