Jahresthema 2021

Wie jedes Jahr gibt es auch 2021 ein Jahresthema, das uns durch das Jahr hindurch immer wieder begleiten soll:

Offenheit, Berührbarkeit, Verbundenheit

Einer der – wie ich finde nicht ganz unberechtigten – Vorwürfe an „moderne“ Formen der Achtsamkeitsübung ist, dass sie säkularisiert und aus ihrem religiösen Kontext herausgelöst wurden. Im Buddhismus waren diese Übungen eingebettet in eine religiöse Praxis, in der zum Beispiel auch ethische und moralische Verhaltensregeln gelehrt wurden. Neben der Schulung und Vertiefung der Achtsamkeit wurden Mitgefühl und Anteilnahme (Nächstenliebe) gepflegt und vielerlei Glaubensinhalte vermittelt, die nicht nur den einzelnen in seiner spirituellen Entwicklung unterstützen, sondern auch ein friedliches Miteinander der Menschen gewährleisten sollten. Meditiert wurde zum Wohle aller Wesen.

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat Jon Kabat-Zinn alte buddhistische Achtsamkeitsübungen für sich entdeckt und ihre wohltuende Wirkung erfahren. Schnell stellte er fest, dass diese Übungen nicht nur ihm bei der Bewältigung der alltäglichen Herausforderungen halfen, sondern auch Menschen mit verschiedenen Problemen. Er vermittelte sie an Menschen mit Schmerzen, Depressionen und anderen Leiden. Der großen Skepsis, die ihm zur damaligen Zeit entgegengebracht wurde, begegnete er mit wissenschaftlichen Studien, die die vielfältige Wirksamkeit der Übungen belegten. Dazu war es notwendig, die Übungen zu säkularisieren und zu standardisieren. Sie wurden bekannt unter der Bezeichnung MBSR („Mindfulness-Based Stress Reduction“ = achtsamkeitsbasierte Stressreduktion). Den vielen weltweit durchgeführten Studien haben wir zu verdanken, dass sich diese Form der Achtsamkeitsübung auch in unserer Gesellschaft etablieren konnte und heute in vielen Kliniken und von Krankenkassen angeboten wird.

Es gehört offenbar zur Entwicklung unserer modernen Welt in Ost und West, dass die Menschen zwar wieder mehr Interesse an Spiritualität, aber weniger an den traditionellen Religionen mit ihren jeweiligen Glaubensvorstellungen haben. Im Christentum wie auch in anderen Religionen wurden Glaubensinhalte und Dogmen vermittelt, die die Gläubigen zu übernehmen hatten. Dazu gehörten Geschichten, die den Kindern schon erzählt wurden, bevor sie selbst denken konnten, Geschichten, auf die man sich berief, wenn mein Krieg führte gegen Menschen, denen in ihrer Kindheit andere Geschichten erzählt worden waren. Besonders trennend und ohne Chance auf Annäherung waren die Geschichten, von denen es hieß, dass Gott selbst, das Absolute, sie den Schreibern in die Feder diktiert habe. Wer das annimmt, lässt nichts anderes gelten.

Aber in allen Religionen hat es neben der Exoterik, den von außen vermittelten Bildern und Vorstellungen auch mystische Richtungen gegeben, in der die Kraft aus dem inneren Erleben zur tragenden Säule des Lebens wurde. Im Christentum waren es Mystiker wie Meister Eckhart, Johannes Tauler, Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila, im Judentum waren es die Chassidim, im Islam die Sufis und bei den Indianern die Medizinmänner, die nicht nur Heiler, sondern oft auch spirituelle Führer waren. So wie wir davon ausgehen können, dass ein körperlicher Schmerz von Menschen unabhängig von Kultur und Religion ähnlich erfahren wird, so ist auch ein spirituelles Erleben nicht nur einer bestimmten Gruppe vorbehalten sondern kann Menschen aller Kulturen, egal welcher Religion sie angehören oder nicht angehören, zuteilwerden. Je tiefer ein solches Erleben ist, das weit über persönliche Vorstellungen hinausreicht, desto verbindender ist es. Wird die Grenze des persönlichen überschritten, dann öffnet sich ein Raum, in dem sich alle treffen. Diesen Raum bezeichnet Franz Jalics, ein christlicher Meister, als den Gipfel des Berges, auf dem sich alle am Ende ihres Weges treffen. Die Religionen sind die Wege, auf denen die Menschen zum Gipfel gelangt sind, und sicher sind bei den Gipfelstürmern auch Menschen, die über einen nicht-religiösen Weg gekommen sind.

Die Kritik an aus dem religiösen Kontext herausgelösten Achtsamkeitsübungen ist, dass sich das Ego der Kräfte, die aus Konzentration und Sammlung wachsen, bemächtigen könnte und – im schlimmsten Fall – in Ruhe und Gelassenheit die größten Gräueltaten begehen könnte: Achtsamkeitsübungen und Meditation für Manager die die Gewinnmaximierung ihrer Konzerne noch skrupelloser vorantreiben. Schon im alten Japan folgten die Samurai der Zen-Philosophie, in der es darum ging, ganz eins zu werden mit dem, was man gerade tut – eingeschlossen war da auch das Töten eines Feindes. Es macht Sinn sich zu diesem Thema Gedanken zu machen.

Der innere energetische Weg

Wenn wir die Übungen, die wir miteinander machen, als einen inneren Weg betrachten, dann stellt sich die Frage, was diesen Weg über die einzelnen Übungen hinaus ausmacht. Zunächst einmal handelt es sich um einen Weg, der jedem offen steht unabhängig von Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung usw. Da es sich um einen Weg handelt, der uns mehr und tiefer zu uns selbst führt, ist er natürlich primär für Menschen geeignet, die den Wunsch haben, mehr bei sich anzukommen. Je mehr wir von uns getrennt sind, desto mehr erleben wir uns auch getrennt von der Welt und je tiefer wir bei uns ankommen, desto verbundener erleben wir uns nicht nur mit uns selbst, sondern auch mit den Menschen und der Welt um uns herum.

Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt, wie wir auf unserem Weg Sorge tragen können, dass die Früchte unserer Übung nicht nur unser Ego stärken, das naturgemäß vor allem an unserem persönlichen Wohl interessiert ist und das Wohl anderer Wesen als gering erachtet. Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, die ich vor Jahren in einem Taiji-Kurs erlebte: Auf dem Fußboden krabbelte eine Biene herum, die sich in unseren Raum verlaufen hatte. Das sah eine Kursteilnehmerin, die die Biene, um sie zu retten mit einem Blatt Papier aufnahm und an die frische Luft beförderte. Als das eine andere Kursteilnehmerin sah, fragte sie: „Warum machst du das? Wir haben doch Schuhe an.“ Worum, um wen oder was geht es eigentlich, wenn wir Taiji, Qigong, Achtsamkeit und Meditation üben oder Shiatsu geben oder bekommen? Wenn wir unseren inneren energetischen Weg nicht in eine der vorhandenen Religionen einbetten wollen, in welcher Haltung sollten wir üben, um am Ende ans Ziel zu kommen und nicht auf Abwege zu geraten? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage sind mir drei Begriffe gekommen, die ich im Jahr 2021 zum Jahresthema machen möchte:

Offenheit, Berührbarkeit, Verbundenheit.

Offenheit

Der innere energetische Weg ist ein Erfahrungsweg, also ein Weg, auf dem wir über immer neue Erfahrungen uns und die Welt kennenlernen. Da wir uns alle als erwachsene Menschen ein Bild von uns selbst, von anderen und von der Welt gemacht haben, haben es neue Erfahrungen manchmal gar nicht leicht zu uns durchzudringen, an den Wächtern unserer fest geprägten (Welt-) Anschauungen vorbeizukommen. Wenn wir offen sind für Erfahrungen, im Widerspruch zu unseren bisherigen Überzeugungen stehen, dann sind wir herausgefordert unsere Überzeugungen zu überprüfen.

So selbstverständlich sich das auch anhören mag, so voll ist die Geschichte bis in die Gegenwart hinein mit dem Gegenteil. Galilei schaute durch sein Fernrohr und was er sah, führte ihn zu der Erkenntnis, dass sich nicht die Sonne um die Erde, sondern die Erde um die Sonne dreht. Diese Offenheit für eine Erkenntnis, die im Widerspruch zur damaligen vorherrschenden Anschauung stand, hätte ihn beinahe auf den Scheiterhaufen gebracht. Es hat schließlich bis zum Oktober 1992 gedauert, bis der damalige Papst, Johannes Paul II, die Lehre des Galilei für gültig erklärte.

Ganz Ähnliches erleben wir in unserer Zeit mit der nun auch schon hundert Jahre alten Quantenmechanik. Die aus ihr resultierenden Erkenntnisse haben wir zwar genutzt, um Atombomben zu bauen, aber nicht, um zum Beispiel in der Medizin einen entsprechenden Bewusstseinswandel zu vollziehen. Wir leben, denken und (be-) handeln immer noch so, als sei alles in Raum und Zeit, als seien Geist und Materie voneinander getrennt.

Offenheit braucht Mut und Vertrauen, denn in ihr ist die Bereitschaft enthalten, sich immer wieder infrage zu stellen. In einem geschlossenen Denksystem findet nur Platz, was zu diesem System passt; was nicht passt, wird einfach negiert und für nicht vorhanden erklärt. Ein offenes Denksystem lässt Erfahrungen und Gedanken zu, die im Widerspruch zu den bestehenden Anschauungen stehen. Das setzt die Bereitschaft voraus umzudenken und ein neues Welt- und Menschenbild zu entwickeln. So kann das Bild, das wir uns gemacht haben, aus seinem Korsett heraustreten und zu einem sich immer weiter entwickelnden Film werden.

Aber was gibt uns Sicherheit, wenn unsere Überzeugungen in Bewegung geraten? Je tiefer wir uns auf dem inneren Weg einlassen, umso geborgener erleben wir uns auch ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Wenn uns jemand eine Eichel schenkt, dann wissen wir wenigstens so ungefähr, wie der Baum, der daraus wächst, am Ende aussehen wird. Auf unserem inneren Weg ist es aber so, als ob wir eine uns unbekannte Frucht in den Händen halten würden und keine Ahnung haben, wie der Strauch oder Baum am Ende aussieht. Natürlich können wir uns kundig machen und lesen, was die großen Weisen in Ost und West zu dem Baum, der da wächst, gesagt haben, aber dann ist da schon wieder die Gefahr, dass wir ein Bild übernehmen und eine Anschauung entwickeln, an der die lebendigen neuen Übungserfahrungen nicht vorbeikommen. Wir füllen dann neuen Wein in alte Schläuche.

Wir lieben es ja, festen Boden unter den Füßen zu haben, unser Leben auf klaren und festen Überzeugungen aufzubauen. Das ist, wie wenn wir auf tragfähigem, dickem Eis herumlaufen würden. Das Eintauchen in eine Erfahrung aber ist wie das Eintauchen in das unter unseren Füßen schmelzende Eis. Was uns in dieser Situation hilft, ist schwimmen bzw. tauchen lernen. Auf dem inneren energetischen Weg wie ich ihn verstehe lernen wir tauchen.

Wenn hier von Anschauungen oder Ideen die Rede ist, dann haben diese sich nicht selten zu Ideologien entwickelt, in der der Blick durch‘s Fernrohr die im Kopf etablierten Ideen nicht mehr korrigieren kann. Wir erleben das gerade in Politik und Gesellschaft in erschreckender Form, in dem Fakten kurzerhand zu „Fake News“ erklärt werden.

Aber kommen wir noch einmal zurück zu der unbekannten Frucht, die wir in Händen halten. Auch wenn wir nicht wissen, was am Ende daraus wächst, so wissen wir doch, auf welche Weise wir sie zum Wachsen bringen können. Jede Frucht braucht Erde, Wasser, die Wärme der Sonne und Zeit, um zu wachsen und zu gedeihen. Der Keim, der in unserem Inneren verborgen ist, braucht einen geschützten Raum, die Wärme unserer Zuwendung, die Dichte, die aus der Kraft der Sammlung kommt und Zeit, um zu wachsen. All das und noch ein paar andere hilfreiche Zutaten können wir in unseren Übungen finden und kultivieren. Aber wie tief auch immer unsere Sammlung sein mag, wenn wir nicht gleichzeitig üben, wirklich offen zu sein, wird uns der Weg nicht ans Ziel führen, nämlich zu dem zu werden, was wir im Innersten schon immer sind.

Offenheit ist Resonanzfähigkeit

In der Welt des Qi, der Schwingungen, begegnet uns Offenheit als ein Resonanzgeschehen. Resonanz entsteht, wenn zwei Schwingungssysteme, die die gleiche Eigenschwingung haben, miteinander zu schwingen beginnen. In diesem Miteinanderschwingen übertragen sich Energien und Informationen von einem System auf das andere. Sind wir offen, d.h. bereit mitzuschwingen, etwas auf uns wirken zu lassen anstatt darüber nachzudenken, dann können wir in einem unmittelbaren Erleben an dem teilhaben, was uns begegnet. Das Medium dafür ist unser Schwingungsfeld. In der meditativen Stille unserer Übungen werden wir dieses Feldes immer mehr gewahr. In diesem Feld schwingt alles, was zu uns gehört, die Organe und Zellen unseres Körpers, aber auch unsere Gedanken und Gefühle miteinander. Wenn unser bewusstes Ich in Resonanz mit diesem unglaublichen Geschehen tritt, dann kann es mit der Zeit auch lernen, die Harmonie im eigenen Inneren, die Verbundenheit von Körper, Geist und Seele zu vertiefen und zu stärken. Und wenn wir uns darüber hinaus noch öffnen können, um mit dem, was um uns herum ist, mitzuschwingen, dann sind wir am Ende „eins mit uns und der Welt“.

Berührbarkeit

Wenn wir offen sind, mit etwas oder jemandem mitschwingen, können wir das in einer gewissen Sachlichkeit tun oder uns von dem, was wir spüren, auch berühren lassen. Wir können offen sein für neue Gedanken und Erkenntnisse, das nährt unseren Geist. Wenn wir uns aber auch berühren lassen von dem, dem wir uns geöffnet haben, dann kommt unser Herz mit ins Spiel, wir entwickeln Anteilnahme und Mitgefühl (Nächstenliebe). Ähnlich wie bei der Offenheit, die unsere gewohnten Denksysteme in Bewegung bringen kann, führt uns auch die Berührbarkeit in einen Veränderungsprozess, der in der Lage ist, uns in ein vollkommen neues Erleben zu führen. Hier weitet sich nicht nur unser geistiger Horizont, sondern auch unser Herz. Sowohl unser Geist als auch unser Herz sind so groß, dass am Ende alles, was es in unserer inneren und in der äußeren Welt gibt, darin Platz hat.

Uns wirklich berühren zu lassen heißt, sich möglicherweise auch erschüttern zu lassen; denn wir können vorher ja nicht wissen, was uns erwartet, wenn wir mit einem offenen Herzen durch‘s Leben gehen. Der Hirnforscher Gerald Hüther schreibt in seinem Buch „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“, dass wir nur einen wirklichen Fehler Umgang mit unserem Gehirn machen können: Erschütterungen vermeiden. Erschütterungen waren die Impulse, die in der Entwicklung der Menschheit zur Suche nach Neuem geführt haben. Wenn wir berührt oder gar erschüttert sind, sind wir auch bewegt und dieses Bewegtsein führt uns weiter, lässt uns suchen und ausprobieren, bis wir in ein neues Gleichgewicht gefunden haben. Dieses neue Gleichgewicht geht einher mit einem erweiterten Herzensraum, in dem auch das, was uns erschüttert hat, Platz hat. Und alles, was in unserem Herzen Platz hat, gehört zu uns und ist Teil unseres inneren Gleichgewichts und kann es nicht mehr zerstören. Wenn wir Meditation, Qigong oder Taiji üben ohne berührbar zu sein, können wir viele Früchte ernten, aber wirklichen Frieden wird unser Herz nicht finden.

Verbundenheit

Auf der Basis von Offenheit und Berührbarkeit wächst mit der Zeit – ganz von alleine und still vor sich hin – Verbundenheit. Das Erleben von Verbundenheit, am Ende mit allen und allem, ist die tiefste Quelle von innerem Frieden und Glück. Sich geborgen und aufgehoben zu fühlen in seinem Körper, im Leben und in der Welt ist ein großer Schritt auf das Ziel aller spirituellen Wege zu, nämlich zu erfahren, dass es keine Trennung gibt, weder in Raum, noch in der Zeit, zu erfahren, dass alles eins ist.

Es mag lange dauern, bis wir das auf unserem Meditationskissen erfahren und auch dann ist es keineswegs selbstverständlich, dass wir das auch im täglichen Leben so empfinden und dementsprechend handeln. Aber bis das Erleben von Verbundenheit von innen heraus gewachsen ist, können wir Verbundenheit zu unserer inneren Haltung machen, wir können so tun, als ob wir mit allen Menschen verbunden wären. Dann würden wir nicht mehr ausschließlich an unser eigenes Wohl denken, sondern immer zum Wohle aller Beteiligten, ja aller Menschen und der gesamten Schöpfung. Schön ist, wenn mit der Zeit innere Haltung und inneres Erleben zusammenwachsen.

Wenn wir unsere Übungen zusammen mit Offenheit, Berührbarkeit und Verbundenheit praktizieren, dann, davon bin ich überzeugt, werden wir als ganze Menschen wachsen und nicht nur spezifische Fähigkeiten entwickeln, derer sich unser Ego immer wieder bedienen kann. Diese drei Haltungen stehen in keinem Widerspruch zu irgendeiner Religion, aber wir brauchen auch keiner Religion anzugehören, um sie zu praktizieren. Dann sind unsere Übungen eingebettet in eine innere Ausrichtung, die zu Toleranz, Mitgefühl und Wohlwollen führt.